Persönliches: Einige Lebensstationen
 
Seit Herbst 2004 lebe ich in Kalifornien und seit 2005 unterrichte ich hier am Pomona College, wo ich bisher Sprachkurse und Kurse zu den Themen „Lyrik des zwanzigsten Jahrhunderts“, „Geistesgeschichte von Kant bis Adorno“ und „Multikulturelles Deutschland“ unterrichtet habe. Fantastisch finde ich, dass hier sechs verschiedene Hochschulen mit jeweils eigenem Profil und Schwerpunkt  wie in einem föderalistischen Kleinstaat zusammenleben, dass unser German Program eine Kollaboration zwischen Pomona College und Scripps College ist und auch, dass es den Oldenborg Center gibt, wo man jeden Tag in vielen verschiedenen Sprachen Mittag essen kann und wo  unzählige internationale Veranstaltungen angeboten werden.
Ich habe einen Sohn und wohne mit meiner Familie in der etwa dreißig Meilen östlich von Claremont gelegenen Kleinstadt Redlands.
 
Von 1998 bis 2004 war ich jeden Januar mit amerikanischen Studenten vier Wochen lang in Berlin, Bonn und Köln unterwegs. In diesen Jahren unterrichtete ich im German Department am St. Olaf College in Minnesota. Die Januarreise mit den Studenten war immer einer der Höhepunkte des Jahres, wenn wir auch, sogar als „Minnesotaner“, wie wir in Deutschland genannt wurden, bei den vielen eingehenden, zu Fuß unternommenen Stadtrundgängen ziemlich froren. Dafür aber brauchten wir nicht mit konkurrierenden Touristengruppen um den schönsten Blick auf ein unterirdisch gelegenes römisches Mosaik oder einen in einer Kirche schwebenden Engel von Ernst Barlach kämpfen; solche Selbstbehauptungsrituale sind dem Sommer vorbehalten.  
 
Mitte der neunziger Jahre verbrachten mein Mann und ich zwei Jahre in Marbach, wo wir im Collegienhaus des deutschen Literaturarchivs wohnten. Es war spannend, Germanisten aus der ganzen Welt kennen zu lernen und von so vielen umfassenden Literaturquellen umgeben zu sein. Ich begann damals, an meiner Dissertation zu arbeiten, übersetzte ein aus Aufsätzen des kanadischen Wirtschaftsphilosophen Harold A. Innis bestehendes Buch vom Englischen ins Deutsche und lehrte Deutsch als Fremdsprache an einer Sprachschule in Stuttgart, wo die Schüler sogar aus noch mehr verschiedenen Ländern kamen als die Germanistinnen und Germanisten, die im Marbacher Collegienhaus wohnten.  
 
Im November 1989, als die Berliner Mauer fiel, verlebte ich gerade mein erstes Semester als Graduate Studentin an der University of Massachusetts in Amherst. Ein bisschen ärgerte ich mich über mein Timing und beneidete meinen Bruder und all die anderen Deutschen, die den Fall der Mauer in Berlin live – und an oder sogar  auf der Mauer Sekt trinkend – mitfeierten. Irgendwie gefreut habe ich mich dann aber, dass mir am nächsten Tag in einem Cafe in Amherst freundliche Menschen, die meinen Akzent erkannten, zum Mauerfall gratulierten, so als hätte ich ihn persönlich herbeigeführt und selbst mit Hand angelegt.
 
Ende der achtziger Jahre lebte ich ein Jahr lang bei einer wunderbaren, einen Shinto-Tempel leitenden Familie in dem damals wirtschaftlich boomenden und sehr eleganten Tokio. Der zehnjährige Sohn der Familie saß allabendlich noch zu später Stunde an seinen Hausaufgaben, um das rigorose und genau nach Klassenstufen eingeteilte Pensum an Schriftzeichen, das er auf hatte, zu bewältigen. Während ich ebenfalls versuchte meine Kenntnis japanischer Schriftzeichen zu verbessern, unterrichtete ich an verschiedenen Schulen Deutsch und Englisch.